halfway, Jänner 2019, © Wolfgang Thaler

halfway war ein Ort für die Verräumlichung akuter urbaner Phänomene mittels Methoden künstlerischer Forschung. halfway war das Labor des zweijährigen Forschungsprojekts Curating The Urban. On Spatializing Urban Conditions von Christina Nägele, Heidi Pretterhofer und Christian Teckert mit Linda Lackner, das am Institut für Kunst und Architektur der Akademie der bildenden Künste Wien angesiedelt war und über das Programm PEEK des FWF gefördert wurde.

 

In der mehrteiligen Projektreihe wurden die räumlichen Auswirkungen eines kognitiven Kapitalismus untersucht, der durch immaterielle Arbeit, Deregulierung und prekäre Identitätsvorstellungen geprägt ist. Die entsprechende urbane Form ist die der projekbasierten Polis, in der sich der permanente Aufruf zur Selbstoptimierung und Performanz mit den algorithmischen Figuren der (In)Dividualisierung vermengt.

 

Dazu wurden in Kooperation mit den ForschungspartnerInnen Jorge Almazán (Tokio) sowie Urban Subjects (Vancouver) urbanistische Fallbeispiele, architektonische Typologien und kulturelle Symptome untersucht:

Dividuality

Spaces

   of

of

Spaces

Dividuality

Economy

of Architecture

Architecture of Economy

Migration of Forms

Forms of Migration

Räumlicher Kontext

halfway befand sich in einem multifunktionalen Gebäudekomplex im 7. Wiener Gemeindebezirk; einem Bezirk, der in den letzten Jahren verstärkt den Dynamiken urbaner Transformationen ausgesetzt war. Die stadträumliche Situation stellt einen Ausnahmezustand dar, indem sich das Gebäude von drei Seiten zu einem halboffenen, begrünten Hof orientiert, der den üblichen Blockrand aufbricht.

Hinter einer streng gerasterten Fassade, in Weiß und Türkis gehalten, verbirgt sich ein Nutzungsmix aus Wohnungen, Hotel, Büros und halböffentlichen Erholungsräumen. Die Innenräume sowie der im Erdgeschoss gelegene halfway Projektraum orientieren sich zu dem privaten, aber öffentlich zugänglichen Grünraum. Die darin angelegte urbane Utopie spiegelt sich auch in den kinematografisch gestalteten raumhohen Fensteröffnungen wider, die, ähnlich einem begehbaren Schaufenster, mit dem Moment des Voyeuristischen spielen, aber gleichzeitig dessen Struktur offenlegen.

halfway im Gebäudehybrid Halbgasse 3-5

Für halfway wurde von Christina Nägele, Heidi Pretterhofer, Christian Teckert und Linda Lackner ein räumliches Setting und Display erarbeitet, das als Forschungswerkzeug fungierte und eine entscheidende Zone der Interaktion, Kommunikation und Performanz bildete. Die Elemente im Raum wurden allesamt aus vorgefundenen Parametern der Architektur des Raums übernommen und transformiert. Der Komplex, in dem halfway lokalisiert war, verkörpert eine Idee von Räumlichkeit, in der genau jene gesellschaftliche Formation in den Grundzügen ihr Bild annimmt, die wir untersuchen: Die auf immaterielle Arbeit setzende Ökonomie des kognitiven Kapitalismus, an deren Beginn nicht zufällig die Themen Raster, Kybernetik und Modulation entscheidende Momente der Gestaltung waren.

 

Aus dem Raster der Deckenelemente in halfway wurde eine Reihe von Displays entwickelt, die als Trägerfiguren für die Inhalte unserer Verräumlichungen stehen. Mit Spiegelfolie überzogene Kartonplatten, raumlange Rollos als Raumteiler oder Projektionsflächen, schwarz gefärbte MDF-Platten als Textträger sowie mit Farbfeldern markierte Holzkisten als Archivboxen stellen das primäre Arbeitsmaterial dar, mit dem sukzessive an räumlichen Settings gearbeitet wurde. Diese wiederum sind als Kommunikationswerkzeuge zu verstehen, die als Einladung zum Diskurs und zur Vermittlung dienten.

Verräumlichung als Methode

Wo sind die Visualisierungswerkzeuge, mit denen sich die widersprüchliche und kontroverse Natur von uns angehenden Sachen repräsentieren lässt? – Bruno Latour [1]

 

Latour weist hier auf die zunehmende Bedeutung von Gestalterinnen und Gestaltern in der zeitgenössischen Gesellschaft hin, denen die entscheidende Fähigkeit zugesprochen wird, komplexe soziale und kulturelle Zusammenhänge zu kartieren und zu visualisieren. Er stellt damit eine grundlegende Forderung an Design und speziell an die Architektur in den Raum: Dass es nämlich angesichts einer grundlegenden Krise der Repräsentation der Komplexität der Gegenwart (und ihrer krisenhaften Ökonomie) darum gehen müsste, speziell ihre Widersprüche darzustellen. Im Sinne einer anderen Form der Kritik, die sich nicht primär textbasiert, sondern als Problem der Gestaltung darstellt.

 

Modellhafte, metaphorische und konkrete Anordnungen im Raum sind das Medium der urbanistischen Produktion, die halfway anstrebte. Historisch bezieht sich halfway in den Methoden der Verräumlichung auf Methoden der russischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts wie etwa das konstruktivistische Labor, dessen Verfahrensweisen in die grundlegend veränderten Bedingungen der Gegenwart transferiert werden sollten. Hier existierte (zumindest für eine begrenzte Zeit) ein Modell, in dem die prototypische Dialektik zwischen Kunst als Teil des Lebens (Art into Life) sowie der Idee der Autonomie des Kunstwerks aufgehoben schien.

 

Im Unterschied zu den Formaten der Wissensproduktion im Rahmen von klassischen Ausstellungsräumen, akademischen Institutionen oder Publikationen operierte halfway mit dem Anspruch, Diskursproduktion mit dem Mittel der Verräumlichung – der Übersetzung von Fragestellungen, Thesen und Argumenten in räumliche, begehbare Situationen – zu betreiben und verhandelbar zu machen. Dafür wurde eine Reihe von sich ergänzenden Formaten entwickelt, die mit je spezifischen Formen und Graden von Öffentlichkeit und Zeiträumen verbunden waren: von informellen Workshops über individuelle Einladungen, Screenings, Diskussionsrunden, Stadtführungen im Innenraum, Werkstattgesprächen, inszenierten Settings bis hin zu Zitaten klassischer Ausstellungseröffnungen.

 

Die Produktion in halfway war als fortlaufendes dialogisches System konzipiert, in dem vor allem auch die konventionellen Formen der Repräsentation und damit die Rolle des Besuchers/der Besucherin sowie des Betrachters/der Betrachterin kritisch hinterfragt wurden. Die räumliche Verfasstheit changierte ganz bewusst zwischen Labor, Arbeitsraum, Atelier, Ausstellungsraum, Project Space, Werkstatt und Konferenzraum. Entscheidend war in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung eines Display-Systems, das spezifische Formate der Produktion sowie der Dokumentation vorgab.

Derivate

Innerhalb des modularen Displaysystems wurden zwei räumliche Fixpunkte definiert, die aus den inhaltlichen Fragestellungen abgeleitet wurden. So sind zwei räumliche Settings als Zitate bzw. Derivate dividualer Räume konzipiert, die gleichzeitig auch Werkzeuge der Kommunikation und Referenz sind.

Das Spacee Derivat zitierte eine Sharing-Plattform für die temporäre Nutzung von Resträumen für berufliche Zwecke wie Meetings, Foto-Shootings, Konferenzen etc. Rollos bildeten den Raum, bzw. lösten ihn auf, wenn er nicht benötigt wurde. Im Zuge der Veranstaltungen wurden die temporären Wände zu Leinwänden für Filme, Videoproduktionen und Vorträge.

Das Manga Kissa Derivat bezog sich auf eine analoge Form der temporären Zugangsökonomie und der Dividualisierung von Räumen. Für die Verräumlichungen beherbergte es als digitales Archiv spezifisch ausgewählte Videoarbeiten, während es sonst als Ort der individuellen Auseinandersetzung mit den filmischen Formaten innerhalb des Projekts konzipiert war.

Das Format des Spatial Tables wurde als Hybridformat zwischen Stadtmodell, Besprechungstisch und Filmset konzipiert. In Referenz auf die recherchierten japanischen dividualen Räume wurde hier die Verhandelbarkeit zukünftiger urbaner Entwicklungen im Spannungsfeld zwischen architektonischer Materialität und digitaler bzw. algorithmischer Vorhersagbarkeit städtischer Räume ausgelotet.

 

Prop-Talks

Im Zuge der Verräumlichungen wurden wiederholt Prop-Talks durchgeführt, in denen speziell gewählte räumliche Situationen im halfway-Gebäudekomplex als „Bühnen“ für Diskurse genutzt und mit eigens dafür entwickelten Props (Modelle symptomatischer Objekte) bestückt wurden. Mit Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer wurden hier z.B. die räumlich disruptiven Effekte des Plattform-Kapitalismus anhand konkreter Beispiele wie etwa die algorithmisch basierten Planungen für Toronto Quayside diskutiert, mit Roman Seidl und Felix Stalder die Neuordnung der Grenzen zwischen privat und öffentlich anhand von Phänomenen wie Airbnb, mit Christian Berkes die globale Migration des Raumphänomens AirSpace.

 

Questions & Answers

An zahlreiche Akteurinnen und Akteure aus heterogenen Feldern kultureller Produktion wurden seit Beginn des Projekts kapitelspezifische Fragen versendet, mit denen Dialoge über räumliche Grenzen hinweg in Gang gesetzt wurden. Die Antworten wurden im Raum auf Displayelemente appliziert und bildeten eine thematische Hintergrundfolie für die Verräumlichungen.

 

Fotografischer Archiv-Essay

Ein fotografischer Archiv-Essay von Wolfgang Thaler dokumentierte fortlaufend die räumlichen Veränderungen quer durch die aufeinander aufbauenden und akkumulativen Kapitel hinweg, während die Fotografien als Prints an den Wänden selbst Teil des Settings wurden.

[1] Latour Bruno: „Ein vorsichtiger Prometheus? Design im Zeitalter des Klimawandels“, 2009, in: ARCH+ 196/197, 2010

Publikation – On Spatializing Urban Conditions, 2019

alle obigen Fotos des Buches: © Astrid Seme, Studio

 

HerausgeberInnen: Linda Lackner, Christina Nägele, Heidi Pretterhofer, Christian Teckert

Texte: Linda Lackner, Christina Nägele, Heidi Pretterhofer, Andreas Spiegl, Christian Teckert, Urban Subjects

Übersetzung engl.-dt.: We Hope this Does Not Make Us Sad: Lina Morawetz

Grafik: Astrid Seme, Studio

Fotos: Wolfgang Thaler

Zeichnungen: halfway mit Natascha Peinsipp

KooperationspartnerInnen:

Urban Subjects (Sabine Bitter, Jeff Derksen, Helmut Weber) und Jorge Almazán

 

Bei Interesse an einer Ausgabe, können Sie uns per Mail unter info@halfway.at kontaktieren.

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